Liu Cui ist eine vielbeschaeftigte
Wissenschaftlerin, die in einem renommierten
Pekinger Labor arbeitet. Ihren Mann,
Direktor beim grossen Staudammprojekt im
Sueden, sieht sie nur selten. Eines Tages
erhaelt sie ein Geschenk von ihm, das sie
stutzig macht: einen Flakon betoerenden
Parfuems. Hat er eine Affaere? Um das
herauszufinden reist Liu Cui in ihre alte
Heimat am Jangtse. Am
Drei-Schluchten-Staudamm, gepriesen als das
neunte Weltwunder, sucht sie Li Lusheng -
und entdeckt etwas viel grausameres als
einen Ehebrecher... Aus einer Stippvisite
wird eine Reise zurueck in die Vergangenheit
ihrer Familie...
Leseprobe:
Sich an so etwas zu erinnern ist schwer,
noch schwerer aber ist es, sich vorzustellen,
es sei einem selbst widerfahren. Wenn eine
Frau in den Kerker geworfen und dabei auch
noch mit einem fremden Mann
zusammengeschnuert wird, dann hat sie nicht
nur mit ihrer Wut zu kaempfen.
Nachdem die Tuer sich donnernd geschlossen
hatte, war es stockfinster, man sah nichts.
Boden und Waende schienen mit Moos bewachsen,
die Luft war feucht, und es roch
durchdringend nach Urin und nach einem Hauch
Blut.
Sie stuetzte sich mit den Haenden ab, um
aufzustehen, als das Gewicht des anderen sie
umriss und beide hinstuerzten. Beiden war es
aeusserst unangenehm, und der Mann versuchte,
einen Anstandsabstand zwischen sie zu
bringen, doch je mehr sie voneinander
abruecken wollten, um so sicherer beruehrten
sie sich. Was beide am wenigsten wollten,
war, sich von der Angst ueberwaeltigen zu
lassen. Und so war jede Beruehrung eine neue
Erniedrigung.
Sie bemuehte sich mit aller Kraft, nicht die
Hand zu bewegen, die mit seiner
zusammengebunden war, rutschte ein wenig
nach hinten und fuehlte eine kuehle
Strohmatte mit ausgefransten Raendern,
darunter feuchtes Heu, auf dem schon wer
weiss wie viele Gefangene ihres Schicksals
geharrt haben mochten.
Dieser Gedanke beunruhigte sie - erinnerte
er sie doch an ihre ausweglose Lage. Sie
wollte den Mann an den Haenden fassen, der
ihr Schicksal teilte, wollte mit ihm
sprechen ueber all die Dinge, die sie
beunruhigten. Aber der Waechter hinter der
Tuer konnte jederzeit durch das kleine
Fenster bruellen und Ruhe fordern.
Sie konnte den gleichmaessigen Atem und
Herzschlag des anderen spueren, das
beruhigte sie. Sie waren miteinander
verbunden wie die zwei Haelften eines
Talismans, die durch die Unberechenbarkeit
der Welt zusammengebracht worden waren - ein
Sinnbild des gemeinsamen Ursprungs alles
Seins.
Da hatte sie also ihren Weg zurueckgelegt,
nur um im Gefaengnis zu landen. Wenn
sie aber gewusst haette, dass diese
quallvollen Tage sie Dinge erkennen lassen
wuerden, die sie sonst im Leben nicht
verstanden haette, sie haette die Reise zu
den drei Schluchten dennoch angetreten.
Wer bekam denn schon die Welt vor der
eigenen Geburt zu Gesicht? Sie sah den
reissenden Fluss vor sich, der das
Spiegelbild der Berge verzerrte und zerriss.